Schnelllieferdienste und physikalische Belastungen – Vibrationen und ungünstigen Körperhaltungen

Projekt-Nr. IFA 4261

Status:

abgeschlossen 02/2026

Zielsetzung:

Fahrräder und Pedelecs liegen im Trend, was sich nicht nur in den Verkaufszahlen, sondern auch in den Unfallzahlen im Straßenverkehr widerspiegelt. Neben den gemeldeten Unfällen wirken auf das Fahrpersonal im beruflichen Alltag im Schnelllieferdienst auch viele physikalische Expositionen, die irreversibel die Gesundheit beeinträchtigen können. Darunter fallen u. a. Vibration, Lärm, Strahlung sowie Heben und Tragen mit ungünstigen Körperhaltungen.

Da Fahrräder und Pedelecs als "Fahrzeuge" erst seit neuestem in der Berufswelt Einzug gefunden haben, gibt es bisher kaum Erkenntnisse aus der realen Arbeitswelt, wie die physikalischen Expositionen auf die Bediensteten einwirken.

In mehreren Projekten sollen deshalb diverse Gefährdungen der Fahrrad-/Pedelecfahrenden (Riders) im Schnelllieferdienst (Vibrationen, Körperhaltungen, Heben und Tragen schwerer Lasten, UV-Strahlen und Unfallgefährdungen) untersucht werden. Im Mittelpunkt dieses Projektes stand die Erfassung und Auswertung der Vibrationsexpositionen an den Lenkergriffen (Hand-Arm-Vibrationen) sowie ausgehend von der Satteloberfläche (Ganzkörper-Vibrationen). Ergänzend wurden die Körperhaltungen während der Fahrt analysiert, wobei ein besonderer Fokus auf Hand- und Griffhaltungen gelegt wurde.

Aktivitäten/Methoden:

Um einen ersten Überblick über die realen Arbeitsbedingungen zu erhalten waren 20 Feldmessungen (in der Regel zweistündige Messung, repräsentativ für eine Arbeitsschicht) geplant. Hierbei wurden unterschiedliche Fahrradarten (Mountainbike, Citybike, Rennrad, Pedelec) sowie ergonomische Maßnahmen wie gefederte oder dämpfungsreduzierende Bauteile und unterschiedliche Lenkergriffformen erfasst. Da die Vibrationen beim Fahrradfahren sowohl über das Gesäß als auch über das Hand-Arm-System in den menschlichen Körper eingeleitet werden, wurden die Expositionen durch entsprechende Beschleunigungsaufnehmer auf dem Sattel und an den beiden Lenkergriffen ermittelt. Die Körperhaltungen wurden anhand von Bewegungssensoren (CUELA Messsystem) gemessen, die auf der Haut des Fahrenden angebracht wurden.

Zur Erfassung von Beschwerden am Muskel-Skelett-System wurde ein vereinfachter Fragebogen (Nordic Questionnaires) eingesetzt. Hierbei wurden Beschwerden und Beeinträchtigungen der letzten zwölf Monate für acht Körperregionen (Nacken, Schulter, Handgelenk/Hände, oberer Rücken, unterer Rücken/Kreuz, Hüfte/Oberschenkel, Knie sowie Knöchel/Füße) erfragt. Zur Bestimmung und Einschätzung der Anstrengung der Arbeit wurde auf die Borg-CR10-Skala zurückgegriffen. Sie ist in mehrere Teilsegmente mit unterschiedlichen Abstufungen im Bereich von 0 bis 10 unterteilt. Zusätzlich wurde ein Fragebogen zur Erfassung der arbeitsbezogenen psychischen Beanspruchung eingesetzt. Die Auswertung der Daten zu den psychischen Belastungen hat die BGHW übernommen. Zur Dokumentation der Fahrbahnoberflächen und Tätigkeiten wurden die Messungen mit Videoaufnahmen begleitet. Dafür wurden kleine Kameras auf der Fahrradlenkerstange und am Fahrradrahmen angebracht. Die Integration zusätzlicher Mess- und Analyseverfahren, der Ausbau der Sensorik sowie die Ergänzung physiologischer und psychischer Belastungsfaktoren führten zu einem erheblich erhöhten Aufwand in Datenerhebung und Auswertung. Zusätzlich verursachten die Entwicklung eines Datenschutzkonzepts und das erforderliche Ethikvotum einen nicht vorhersehbaren Mehraufwand.

Ergebnisse:

Insgesamt wurden 39 Beschäftigte eines Schnelllieferdienstes aus den vier deutschen Städten Berlin, Bonn, Köln und Stuttgart in die Untersuchung einbezogen. Aufgrund der hohen Variabilität relevanter Einflussfaktoren – wie Fahrbahnbeschaffenheit, topografische Gegebenheiten und individuelle Fahrstile – wurde die ursprünglich geplante Stichprobe von 20 auf 31 messtechnisch begleitete Teilnehmende (vier weiblich, 27 männlich) erweitert. Zusätzlich konnten weitere acht Personen für die Befragung gewonnen werden. Die Datenerhebung erfolgte unter realen Arbeitsbedingungen und umfasste unterschiedliche Witterungsverhältnisse über alle Jahreszeiten hinweg sowie variierende Lichtverhältnisse durch Früh‑ und Spätschichten.

Für die Untersuchung kamen insgesamt sechs konventionelle Fahrräder sowie 25 Pedelecs mit elektrischer Tretunterstützung zum Einsatz, die jeweils im regulären Lieferbetrieb genutzt wurden. Die durchschnittliche Messdauer betrug 107 ± 29 Minuten. Das mittlere Alter der Teilnehmenden lag bei 37 ± 9 Jahren, das durchschnittliche Körpergewicht bei 77 ± 16 kg und die mittlere Körpergröße bei 174 ± 7 cm. Die ersten Ergebnisse der Vibrationsmessungen weisen auf erhöhte Belastungen im Bereich des Sattels hin und deuten gemäß den Vorgaben der Lärm‑ und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung auf eine relevante Exposition gegenüber Ganzkörpervibrationen während der Liefertätigkeit hin. Die berechneten zulässigen Arbeitszeiten (Schichtdauer) bis zum Erreichen des Auslösewertes betragen für Fahrräder 1,0 h und für Pedelecs 1,4 h; die entsprechenden Zeiten bis zum Erreichen des Grenzwertes liegen bei 2,6 bzw. 3,6 h. Der Unterschied zwischen Fahrrad und Pedelec lässt sich plausibel durch das unterschiedliche Tretverhalten und die höhere Masse der Pedelecs erklären: Durch die motorische Unterstützung ist die körperliche Kraftübertragung auf das Fahrzeug geringer, während das höhere Gesamtgewicht des Pedelecs eine stärkere Dämpfung der eingeleiteten Vibrationen bewirken kann. In welchem Ausmaß die zusätzliche Tretaktivität die in das System eingeleiteten Vibrationen beeinflusst, sollte im Rahmen eines Folgeprojekts systematisch untersucht werden.

Die Exposition gegenüber Hand‑Arm‑Vibrationen liegt geringfügig oberhalb des Auslösewertes. Entsprechend wird der Auslösewert bei Fahrrädern nach 4,8 h und bei Pedelecs nach 4,6 h erreicht. Die berechneten Expositionszeiten bis zum Erreichen des Grenzwertes liegen deutlich höher und betragen 22,3 bzw. 17,8 h.

Die Auswertungen der Körperhaltung zeigen, dass die Körperwinkel während des Fahrens in stärker belastende, nach vorne gerichtete Winkelbereiche eingenommen worden sind, insbesondere im Bereich von Kopf, Oberkörper, Rücken und Kniegelenken. Ebenso für die Handgelenke – insbesondere links – wurden hohe Anteile an nicht-neutralen Extensionen (in ergonomisch ungünstigen Überstreckungspositionen) beobachtet.

Die gleichzeitige Einwirkung von Vibrationen und ungünstigen Körperhaltungen kann ein erhöhtes Gesundheitsrisiko hervorrufen. Die hier beobachteten ungünstigen Handgelenk-Extensionen und Rücken-Neigungen zusammen mit hohen Vibrationsexpositionen während des Fahrens sind kritisch zu betrachten.

Bei der Untersuchung der psychischen Beanspruchungsfolgen konnte bei keinem der Teilnehmenden eine außergewöhnliche hohe Ausprägung hinsichtlich kognitiver oder emotionaler Irritation festgestellt werden.

Die Untersuchung der Muskel-Skelett-Beschwerden zeigt, dass Beschwerden im unteren Rücken, in den Schultern und im Nacken am häufigsten auftreten und teilweise über mehrere Tage oder sogar Wochen anhalten. Besonders Beschwerden am unteren Rücken sind mit einem Anteil von 21 % die Hauptursache für arbeitsunfähige Tage, gefolgt von Schulter‑ sowie Knie‑ und Hüftbeschwerden. Insgesamt wird deutlich, dass vor allem die Gelenke und die Wirbelsäule stark belastet sind und ein zentrales gesundheitliches Risiko darstellen.

Die gewonnenen Expositionsdaten machen deutlich, dass die Kombination aus hohen Vibrationsexpositionen und gleichzeitig ungünstigen Körperhaltungen ein relevantes gesundheitliches Risiko darstellt und daher weiterführende Untersuchungen erforderlich sind. Besonders die Belastungen im Hand‑Arm‑Bereich sowie im unteren Rücken zeigen, dass bestehende Präventionsansätze nicht ausreichen, um die kumulativen Beanspruchungen wirksam zu reduzieren. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen sollte in einem Folgeprojekt gezielt Maßnahmen zur ergonomischen Optimierung, technischen Entlastung und arbeitsorganisatorischen Gestaltung entwickelt werden, um fundierte Handlungsempfehlungen für eine nachhaltige Prävention ableiten zu können.

Stand:

13.05.2026

Projekt

Projektdurchführung:
  • Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW)
  • Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekomunikation (BG Verkehr)
Branche(n):

Verkehr

Gefährdungsart(en):

Mehrfachbelastungen, Lärm/Vibrationen, ungünstige Arbeitsumgebung

Schlagworte:

Vibration, Ergonomie, Muskel-Skelett-Erkrankungen (außer Krebserkrankungen)

Weitere Schlagworte zum Projekt:

Schnelllieferdienst, Vibration, ungünstige Körperhaltung

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